* Gero von Randow: Mit neuer Strahlkraft, DIE ZEIT 31/2004
** Hermann Scheer: Kernenergie gehört ins Technikmuseum, DIE ZEIT 32/2004
Eine Politik ist auf dem Weg ins Geschichtsmuseum: Der Atomausstieg. Das prognostiziert Gero von Randow in Die Zeit Nr. 31 vom 22.07.2004. Hermann Scheer, der Bundestagsabgeordnete, bekannt für sein Engagement für die Nutzung regenerativer Energiequellen, Träger des Alternativen Nobelpreises und ehrenamtliche Präsident von Eurosolar hingegen will die Kernenergie ins Technikmuseum schicken (Die Zeit, Nr. 32 vom 29.07.2004). Warum? Wo doch Kernenergie und Regenerative zwei Dinge gemeinsam haben: Sie sind frei von Treibhausgasemissionen und auch nach Auslaufen der fossilen Brennstoffe weiter verfügbar. Könnte deshalb die Antwort auf die Frage, wo die Menschheit in den nächsten Jahrhunderten ihre Energie herbekommt nicht lauten: "Sonne, Wind und Kerne"? Gero vom Randow hat in keiner Zeile die Nutzung der regenerativen Energiequellen in Frage gestellt oder gar deren Befürworter angegriffen. Für ihn scheint das zukünftige Seite-an-Seite von Nuklear und Regenerativ also nicht in Frage zu stehen. Doch Hermann Scheer ist eingefleischter Gegner der Kernenergie und attackiert die Meinungsäußerung von Randow scharf.
Erste Breitseite von Scheer: Tschernobyl - das vermeintlich beste Argument gegen die Kernenergie - Randow selbst liefert die Steilvorlage. Doch kann eine Bewertung der Risiken der Kernenergie wirklich von der Anzahl der Opfer der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ausgehen? In der damaligen Sowjetunion wurde gegen drei Grundprinzipien des verantwortungsbewussten Umgangs mit der Kernkraft verstoßen: (1) eine Genehmigungspraxis, nach der sich die Auslegung einer Neuanlage nach dem aktuellen Stand der Technik zu richten hat, bestand nicht, (2) die ständige Erhöhung der Sicherheit bestehender Anlagen durch Nachrüstmaßnahmen, die die Veränderung des Stands der Technik berücksichtigen, erfolgte nicht und (3) die konsequente Kompetenztrennung zwischen Genehmigungsbehörde, Gutachtern, Errichtern und Betreibern von Kernanlagen, war nicht gegeben. Es existierte vielmehr ein Ministerium Minatom, das alle drei Bereiche fest im Griff hatte. So konnte es geschehen, dass Reaktoren, wie der in Tschernobyl aus "übergeordneten Überlegungen" heraus gebaut wurden, obwohl sie bereits zum Zeitpunkt der Planung nicht dem Stand der Wissenschaft und Technik in Sachen Sicherheit entsprachen. Gegenseitige Anwürfe, man gehe von falschen Opferzahlen in Tschernobyl aus, sind somit nicht im geringsten hilfreich, wenn über die Bewertung der zukünftigen Perspektiven Kernenergie diskutiert wird, denn niemand beabsichtigt, die Kernenergie weltweit mit einer Serie von Tschernobyl-Reaktoren auszubauen.
Vier weitere Gründe, die Scheer gegen die Zukunftsfähigkeit der Atomkraft anführt, sind irrelevant: Der enorme Wasserbedarf für Dampfprozesse und Kühlung ist natürlich bei der Standortwahl und die Wahl der verwendeten Technik zu berücksichtigen, aber mehr nun nicht. Für süßwasserarme Regionen ist es die Kühlung mit Meerwasser oder die Verwendung geschlossener Kreisläufe mit Trockenkühltürmen, was empfohlen werden kann. Mit dem Wärmeüberschuss der Atomkraftwerke kann man dann noch kostengünstig Meerwasser entsalzen, und zwar in Größenordnungen, wo konventionelle Entsalzungsanlagen vor Neid erblassen würden.
Grotesk wird es, wenn Scheer den Atommeilern ihre Fähigkeit vorwirft, den Grundlastbedarf zu decken. Zitat: "...die für ihre Rentabilität unabdingbare Auslastung kapitalintensiver Atommeiler kann nur gewährleistet werden, wenn Regierungen die Strommärkte wieder entliberalisieren und Alternativen blockieren. Atomwirtschaft bleibt (verdeckte) Staatswirtschaft". Man sollte froh sein, Kraftwerke zu haben, die unabhängig von Tageszeit und Witterung Strom liefern. Wie er zum Vorwurf der Staatswirtschaft kommt, bleibt zumindest im Hinblick auf Deutschland unklar. Zur Zeit ist die Atomkraft in Deutschland alles andere als eine Staatswirtschaft, denn die Regierung will sie abschaffen.
Liberalisierung, die Scheer fordert, könnte ja auch bedeuten, dass man es den Stromversorgungsunternehmen freistellt, wie sie ihr Produkt erzeugen wollen, solange sie die Vorschriften und Grenzwerte einer einschlägigen Umweltgesetzgebung einhalten. Kernkraftwerke könnten auf Grundlage eines Atomgesetz gebaut werden, welches fordert, dass die Auswirkungen jedes denkbaren Störfalls auf die Anlage begrenzt bleiben müssen. Forschung und Entwicklung haben bereits Reaktortypen hervorgebracht, für die diese Eigenschaft nachgewiesen wird. Staatswirtschaft besteht allenfalls auf dem Sektor der erneuerbaren Energien, wo der Staat durch das von Scheer gepriesene Erneuerbare-Energien-Gesetz de-facto in das Preisgefüge eingreift.
Weniger komisch wird es bei der Zuspitzung "asymmetrischer Konflikte". Was mehr, als "nicht nur Flugkörperattacken auf Reaktoren" ist hier für Scheer denkbar? Der Abwurf einer Atombombe auf ein Kernkraftwerk? Unserer Zivilisation ist durch Terrorangriffe verwundbar und das potentielle Arsenal der Terroristen ist nahezu unbeschränkt. Es ist eine Herausforderung an die Politik, die Asymmetrien zu beseitigen, die zu Konflikten führen. Ganz zu oberst müssen asymmetrische Verteilungen des Lebensstandards abgebaut werden. Der Zugang der Entwicklungsländer zu genügend Energie ist dabei essentiell. Welche Rolle die Kernenergie beim wirtschaftlichen Aufschwung einer Region spielen kann, zeigt das Beispiel Asien. Für uns ist es eine deutliche Verringerung der Abhängigkeit von Energieträgern aus Krisenregionen, die vorteilhaft ist. Auch hierzu trägt die Kernenergie bei.
Aus technischer Sicht sind das Containment von modernen Reaktoren und die seit langem vorhandene, gegen die Entwendung von Kernmaterial gerichtete Absicherung der Kernanlagen derzeit der sicherste Schutz vor Terrorakten, den es für Industrieanlagen gibt. Es kann nicht als Argument gegen die Kernkraft als solches dienen, wenn ältere Anlagen stärker verwundbar sind, als neuere, denn der Ausbau der Kernenergie soll ja nicht durch die Neuerrichtung älterer Typen erfolgen.
Doch nach den bis hierher zitierten vermeintlichen Nachteilen sind es, völlig unerwartet, nur noch wirtschaftliche Probleme, die Scheer gegen die Kernenergie ins Feld führt: Die Kernenergie sei "das Resultat einer gigantischen politischen Subventions- und Privilegierungsmaschine", "wegen Kostensteigerungen ... wurde die Atomenergie seit Mitte der siebziger Jahre weitgehend ausgebremst". für die Entwicklung von Brutreaktoren, zu denen "unverzüglich" überzugehen wäre, um die "Uranvorkommen deutlich zu strecken", kalkuliert Scheer "unkalkulierbar hohe Zusatzkosten". Die "tausendjährige Atommüllfrage" bleibt nach seinen Worten "ein ungelöstes Problem mit unvorhersehbaren Dauerkosten". Dennoch "müsste das alles angesichts der Endlichkeit fossiler Ressourcen in Kauf genommen werden, gäbe es nicht die Option erneuerbarer Energien...". Lässt sich Scheer hier die Option Kernenergie offen, falls die regenerativen Energien eine 100 %-ige Versorgung doch nicht zulassen?
Zunächst einmal glaubt er an die Omnipotenz der Regenerativen. Als netter Nebeneffekt seien sie frei von technischen Risiken. Doch was die Auswirkungen von Technologie auf Mensch und Gesellschaft betrifft, muss sich Herr Scheer extreme Einseitigkeit vorwerfen lassen: Während atomare wie fossile Energieträger in seinen Worten die Ursache für Massentragödien sind, führe "die Mobilisierung der erneuerbaren Energien, zu dauerhafter, emissionsfreier, gefahrloser und perspektivisch kostengünstiger Versorgung". Gerade diese Energieträger sind jedoch auf der Seite der für die Energieumwandlung erforderlichen Installationen extrem materialintensiv. Hier lässt Scheer eine Bewertung der Risiken und der Umweltbeeinflussungen zugunsten seiner Schwärmerei über eine vermeintliche "einzigartige Chance" einfach weg. Es gilt das Gesetz der großen Zahl: Ein Windgenerator hat noch niemanden getötet (kommt aber auch noch...), aber bei einer massenweisen Einführung wird ein signifikanter Anteil z.B. der Metallindustrie einschließlich Bergbau und des Transportwesens einzubeziehen sein und mit den dort typischen Unfallrisiken und Emissionen mehr als deutlich ins Gewicht fallen, was nicht ausgeblendet werden darf.
Als Bewohner Sachsens kann ich beispielsweise berichten, dass die Verhinderung eines Reinstsiliziumwerks in Dresden-Gittersee durch Bürgerproteste zu DDR-Zeiten wegen der Risiken des Umgangs mit Silan noch heute als Erfolg gefeiert wird. Mag sein, dass das Werk unter den DDR-typischen Sicherheitsstandards und an dem vorgesehenen Standort tatsächlich Fehl am Platz gewesen wäre, aber die Frage nach den Risiken bei der massenweisen Siliziumproduktion z.B. für Solarzellen wird durch den historischen Vorgang ins Bewusstsein gerückt.
Zurück zu den Potentialen. Keiner bestreitet, dass das Angebot an regenerativen Energien ausreicht, um sowohl den Elektroenergiebedarf als auch den Kraftstoff- und Wärmebedarf der Menschheit mehr als zu decken. Dummerweise sind es Potentiale nicht allein, die vorhanden sein müssen. Die bedarfsgerechte Verfügbarkeit, der Rohstoffaufwand, die Kosten und die bei der Nutzung der jeweiligen Energiequelle auftretenden Umwelteinflüsse haben einen mindestens eben so hohen Stellenwert, wie die Potentiale. Das von Scheer als Erfolg gefeierte Erneuerbare-Energien-Gesetz hat auf der Output-Seite vorrangig den Ausbau der Windkraft befördert, eine Energiequelle, die ganz und gar nicht Bedarfskompatibel anfällt. Wenn er für die nächsten 50 Jahre einen Ausbau auf 166 Megawatt beschwört, dann fragt sich, wo er den bei gutem Wind anfallenden Überschuss gegenüber einem Bedarf von ca. 60 - maximal 80 GW hintun möchte.
Elektrostatische und elektrodynamische Speicher sind in dieser Größenordnung völlig illusorisch, bei den elektromechanischen haben auch langfristig nur Pumpspeicherwerke eine Chance, und hier sind die Standorte beschränkt. Bleibt die chemische Speicherung, z.B. im Wasserstoff. Doch die Umwandlungswirkungsgrade liegen sowohl bei der Erzeugung als auch bei der Umsetzung des Wasserstoffs deutlich unter eins. Entsprechend höher ist der Preis der gespeicherten Kilowattstunde gegenüber der Kilowattstunde Primärenergie, die bei den Regenerativen sowieso schon teuer ist. Dazu kommen noch die Investitionskosten für eine ganze neue Chemieindustrie, die mehrere Zehn GW umsetzen kann, und das bei geringen Auslastungen, denn der Überschuss steht ja nur sporadisch zur Verfügung. Um so stärker werden sich auch noch die Abschreibungskosten im Produkt wiederfinden. Wasserstoff und andere synthetische Treibstoffe werden jedoch weit günstiger, wenn sie mit preiswerter und rund um die Uhr verfügbarer Primärenergie hergestellt werden. Daher von Randows Formulierung: "Der Hochtemperaturreaktor ist der beste Freund der Brennstoffzelle".
In Nächten, wo der Wind nicht bläst, muss dann noch Solarenergie und Windkraft durch Standby-Kraftwerke (Biogas, Biomasse, Erdwärme, Wasserkraft?) ersetzt werden, die ihrerseits nur eine Auslastung wesentlich unter 100 % haben, wodurch auch ihre Amortisationskosten zu stark auf das Produkt Strom oder/und Wärme durchschlagen. Bei diesem Energiespeicherungs- und Management-Moloch, der bei einer 100 %-igen Versorgung aus regenerativen Quellen auf uns zu käme, fällt es schwer, an den von Scheer prognostizierten sinkenden Infrastrukturbedarf zu glauben.
Viele Grüne bestätigen hingegen den hohen Aufwand für Gewinnung und Speicherung von Regenerativenergie indirekt. Sie schwärmen davon, dass ihre Einführung um Größenordnungen mehr Arbeitsplätze schafft, als beim Atomausstieg vernichtet werden. Doch sie haben die Ökonomiestunde verpasst. Was, wenn nicht der Faktor Arbeit bestimmt den Preis eines Produkts. Nun ist Energie das Blut der Wirtschaft, es steht ganz am Anfang der industriellen Nahrungskette. Eine Verteuerung der Energie kann ganze Industriezweige lähmen. Die These, "mehr Arbeit durch weniger Effektivität", muss an aller erster Stelle bei der Energieversorgung auf den Prüfstand der Sozialverträglichkeit. Verkürzungen, wie die von Jürgen Trittin, die Erneuerbaren im Netz führen zu 1 EUR mehr an Stromkosten pro Kopf und Jahr, sind Demagogie, denn dabei werden die gravierenden Nebenwirkungen durch den der Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung "vergessen", abgesehen davon, dass der angegebene Zahlenwert zu klein ist.
Doch genau die Unwirtschaftlichkeit einer regenerativen Monokultur, die sich in Deutschland bei der Windkraft im Ansatz bereits zeigt, wirft Scheer der Kernenergie vor. In der Tat hat die Bundesrepublik insgesamt etwa 16 Milliarden Euro für die Förderung der Kernenergie ausgegeben. Produziert haben die deutschen Kernkraftwerke bis heute etwa 3300 Milliarden kWh. Die spezifische Förderung betrug also etwa 0,5 Cent pro Kilowattstunde. Ein traumhafter Wert verglichen mit der Kohlesubvention und der Förderung der Regenerativen. Darin ist sogar noch der Anteil der politisch produzierten Flops Hochtemperaturreaktor und Brüter enthalten, den man der heute in Deutschland betriebenen Kernenergie eigentlich nicht anlasten kann. Ohne ihn bekommt man etwa 0,2 Cent/kWh heraus, Tendenz fallend, denn die Kernenergie wird ja auf hohem Niveau fortgesetzt, während die Förderung nach Durchlaufen des Maximums Anfang der achtziger Jahre stark zurück gegangen ist.
Nicht betrachtet werden müssen die Kosten für die Errichtung der Anlagen, denn diese wurden ausschließlich von den Betreibern getragen. Sie werden in Amortisationsfristen zwischen 10 und 15 Jahren aus dem Verkauf des Produkts Strom finanziert. Danach treten Kernkraftwerke in der Regel in die Gewinnphase.
Dabei haben es die Kernkraftwerksbetreiber auch noch geschafft, Rückstellungen für Rückbau und Entsorgung in Milliardenhöhe anzuhäufen. Genaugenommen waren sie per Gesetz dazu verpflichtet, im Gegenzug hatte man Steuerfreiheit zugesichert. In Fachkreisen bestehen heute keine Zweifel, dass die Rückstellungen unter vernünftigen Rahmenbedingungen für die Stillegung der Anlagen und die Schaffung der nötigen Endlager mehr als ausreichen. Wenn jemand hier unvorhersehbare finanzielle Risiken eingeht, dann die Bundesregierung mit ihrer Verzögerungspolitik bei der Endlagerfrage.
Ein weiterer Punkt, der eine tiefere Beachtung verdient, sind die Brennstoffressourcen. Ohne Brutreaktoren reichen sie nach Scheer nur noch wenige Jahrzehnte. Und den Brütern, die die zeitliche Reichweite der Uranvorkommen um mindestens den Faktor 50 verlängern können, gibt er aus wirtschaftlichen Gründen keine Chance. Manchmal fragt man sich, wieso unter diesen für die Kernenergie so widrigen Randbedingungen sich die Gegner überhaupt noch die Mühe machen, sie zu bekämpfen, denn die nuklearen Öfen gehen ja, wenn sie Recht behalten, sowieso bald von selbst aus.
Tatsache ist jedoch, dass die Größenordnung der Reserven extrem stark von dem Preis abhängt, den man breit ist, für die Gewinnung des Urans zu zahlen. Bei 80 $/kg rechnet man heute mit Reserven von ca. 2 Millionen Tonnen, das reicht für die Fortsetzung der Kernenergienutzung auf heutigem Niveau für mehrere Jahrzehnte. Für 130 $/kg kommt man jedoch auf etwa 5 Mio. t, bergbaulich erschließbare spekulative Reserven werden auf 15-20 Mio. t geschätzt. Im Gegensatz zu den fossilen Energieträgern, bei denen der Brennstoffpreis fast voll auf den Preis der Kilowattstunde durchschlagen, verkraftet die Kernenergie Preissteigerungen beim Natururan sogar, wenn es um Größenordnungen geht. So gibt es japanische Wissenschaftler (Nobukawa 1994), die ermittelt haben, dass eine Natururangewinnung aus dem Meerwasser für etwa 300 $/kg zu machen wäre. Da der Natururananteil am Preis der Kilowattstunde heute jedoch nur mit 0,1 Cent zu Buche schlägt, würde eine solche Preissteigerung beim Natururan gar nicht ins Gewicht fallen: Der Kilowattstundenpreis würde um weniger als 0,5 Cent ansteigen. Damit bliebe die Kernenergie langfristig immer noch deutlich wirtschaftlicher, als viele regenerative Quellen. Das Uran im Meerwasser würde selbst ohne Brüten für mehrere hunderttausend Jahre reichen.
Doch auch das Brüten ist ein gangbarer Weg. Neben der Streckung der Reserven erhöhen sie die Natururanauslastung und senken deshalb den Kostenanteil des Natururans an der Kilowattstunde. Das hilft wirtschaften, wenn das Natururan teuerer wird. Brüterähnliche Reaktoren können aber mit ihren schnellen Neutronen auch nuklearen Abfall vernichten und so bei der Entsorgung helfen.
Scheer hat nicht Recht, wenn er die Brüterentwicklung durchweg als Fiasko bezeichnet. Seine Angaben über die Betriebsergebnisse sind falsch. Der kleinere französische Brüter Phenix (immerhin 250 MW) läuft wieder. Russland betreibt in Beloyarsk erfolgreich einen Brüter mit 600 MW elektrischer Leistung, der 1991 eine Arbeitsauslastung von 71 % und 1992 von 80 % erreichte. Ein weiterer Reaktor mit 800 MW ist im Bau und soll 2010 ans Netz gehen. Der 350 MW-Brüter in Kasachstan wurde nach 30 Jahren erfolgreichen Betriebs aus Altersgründen abgeschaltet. Er hatte nebenbei zur Meerwasserentsalzung gedient. Damit wäre die Machbarkeit der Technologie als solche erfolgreich großtechnisch demonstriert. Längere Stillstände nach Betriebsstörungen andernorts wurden im Wesentlichen durch langwierige politische Diskussionen über die Fortführung des Brüterprogramms und nicht durch fehlende Reparaturtechnologien verursacht. In Japan, Frankreich und den USA beginnt man die Bedeutung der Brutreaktoren wieder höher zu bewerten. Ihr Produkt Plutonium hatte in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Weltmarkt einfach einen zu kleinen Preis, da der Markt mit Kernmaterial gesättigt war. Dementsprechend halbherzig wurden Anlagen nach Betriebsproblemen wieder instandgesetzt oder eben einfach zur Verschrottung freigegeben, wie z.B. der Superphenix in Frankreich.
Scheer fordert, die erneuerbaren Energien sollen "in Politik, Wissenschaft und Technik endlich genauso ambitioniert erforscht und gefördert werden wie einst die Atomenergie." Das ist, wenn man seinen eigenen Ausführungen folgt, zumindest in Deutschland mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetzes ja passiert. Was bisher dabei herausgekommen ist, führt andere, wie z.B. Herrn Vahrenholt, zu dem Schluss, dass man den Atomausstiegs um fünf bis sieben Jahre verschieben muss (Stern vom 9.6.04). Ein solcher Aufschub habe "langfristig die erheblich bessere Umweltbilanz" als ein kurzfristiger Ausstieg mit der Notwendigkeit, die fossilen Quellen hochzufahren. Könnte es nicht aber sein, dass ein Energiemix aus Regenerativen und Kernenergie auch langfristig die bessere Umweltbilanz hat, als ein Mix aus Regenerativ und Fossil?
Drei Argumente, diese Frage mit ja zu beantworten: Angesichts der weltweit immer noch ansteigenden Nutzung fossiler Brennstoffe sollten führende Industrienationen, wie Deutschland, die über eine hochentwickelte Kerntechnik verfügen, ihre Verantwortung erkennen, und so wenig wie möglich CO2 emittieren. Sie sollten deshalb den Mix Regenerativ-Nuklear ansteuern. Außerdem werden die fossilen Ressourcen auch bei verstärkter Einbeziehung regenerativer Quellen einmal zu Ende gehen. Man sollte sie also schonen, wenn man kann. Und drittens ist das Risiko viel zu groß, dass eine ausschließlich auf regenerative Quellen gestützte und gleichzeitig umwelt-, wirtschafts- und sozialverträgliche Energieversorgung nicht gelingt. Vahrenholts Vorschlag, den Atomausstieg zu verzögern, ist somit das Mindeste, was die Vernunft gebietet.
"Sichtblenden und Technikpessimismus" - noch ein Scheer-Zitat - müssen folglich von den Kernkraftgegnern, unter ihnen Herr Scheer selbst, abgelegt werden, und zwar im Hinblick auf die Kernenergie. Keinesfalls sind es Wissenschaftler und Techniker, die unter Blickfeldverengung leiden - sie sind es, die letztlich auch die Technologien zur Gewinnung regenerativer Energien entwickelt haben und entwickeln, die Herr Scheer und Leute seines Schlages kritiklos für sakrosankt erklärt und für omnipotent hält.
Dresden, d. 18. August 2004
Horst-Michael Prasser
Letzte Änderung: 30.06.2006
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