Im Artikel ein ausführlicher Bericht über den EPR (European Pressurized Water Reactor), der jetzt in Finnland gebaut wird und ein ausführliches Interview mit Prof. Fritz Vahrenholt, Kanzlerberater und Vorstandsvorsitzender der Windenergiefirma "Repower": "Die Windenergie braucht in Deutschland noch etwa 8-10 Jahre, bis wir preiswerter als Gas- oder Kohlestrom sind. Der Ausstieg aus der Kernenergie sollte verschoben werden, weil sonst Kohlekraftwerke gebaut werden, die dann 40 Jahre betrieben werden und dann langfristig CO2 ausstoßen."
Die Kernenergie macht positive Schlagzeilen, wer hätte das gedacht: Sie ist eine effiziente Methode der Energieerzeugung, sie hat keinen CO2-Ausstoss, keine Abhängigkeit von politisch unsicheren Rohstofflieferanten. Ihre Reserven können noch lange nach Ende der fossilen Brennstoffe genutzt werden, wenn man die Technologie weiterentwickelt. Fritz Vahrenholt, den der Stern befragt, gibt zu Protokoll, dass ein Aufschub des Atomausstiegs für fünf bis sieben Jahre langfristig die erheblich bessere Umweltbilanz hat, weil die Regenerativen nicht aus dem Knick kommen. Drei Fragen drängen sich auf: 1. Kommen die erneuerbaren Energien in Zukunft wirklich aus dem Knick? Da sind Zweifel berechtigt, denn Deutschland ist trotz erheblichen Engagements gerade dabei, sein selbstgestecktes Ziel sicher zu verfehlen, die CO2-Emissionen bis 2005 um 25 % gegenüber 1990 zu reduzieren, und zwar um absehbare saftige 7 bis 8 Prozentpunkte (jedes Prozent entspricht etwa 10 Millionen Tonnen pro Jahr....). Da darf dann auch Skepsis aufkommen, wenn Vahrenholt so locker aufzählt: 12 % Regenerative in 2012, 20 % in 2020, 50 % in 2050...... Da selbst der Optimist Vahrenholt sich eine 100 %-ige Versorgung aus erneuerbaren Quellen nicht vorstellen kann, lautet Frage 2: Könnte es nicht sein, dass ein Energiemix aus Regenerativen und Kernenergie auch langfristig die bessere Umweltbilanz hat, als ein Mix aus Regenerativ und Fossil? Zwei Argumente, diese Frage mit ja zu beantworten: Angesichts der weltweit immer noch ansteigenden Nutzung fossiler Brennstoffe sollten führende Industrienationen, wie Deutschland, die über eine hochentwickelte Kerntechnik verfügen, ihre Verantwortung erkennen, und so wenig wie möglich CO2 emittieren. Sie sollten deshalb den Mix Regenerativ-Nuklear ansteuern. Außerdem werden die fossilen Ressourcen auch bei verstärkter Einbeziehung regenerativer Quellen einmal zu Ende gehen. Man sollte sie also schonen, wenn man kann. Vahrenholts Vorschlag, den Atomausstieg zu verzögern, ist somit das Mindeste, was die Vernunft gebietet.
Die dritte Frage lautet: Haben wir den Ausbau der Kernenergie auf ein für den Klimaschutz und die effiziente Schonung fossiler Ressourcen notwendiges Niveau nicht schon verpasst? Je stärker die Probleme in Zukunft zu Tage treten, umso öfter werden sich die umweltbewegten Kernkraftgegner fragen lassen müssen, warum sie gegen die Kernenergie als solche waren und nicht vielmehr für die Definition und Durchsetzung von hohen Sicherheitsstandards eingetreten sind. Es ging ihnen doch eigentlich um die Beseitigung von Risiken? Frankreich ist das Gegenbeispiel zu Deutschland: Dort wird fast der gesamte Strom CO2-frei und schadstoffarm produziert, und zwar in 59 Kernkraftwerken und aus Wasserkraft. Das wäre in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland aus technischen Sicht auch erreichbar gewesen.
Der Stern bezeichnet die Kernspaltung als "gefährlich und schwer durchschaubar". Noch schwerer zu verstehen ist es jedoch, dass wir uns entspannt zurücklehnen sollen, wenn jemand verspricht, dass die Regenerativen bis 2050 die bewußten 50 % erreicht haben könnten, während es als Argument gegen die Kernenergie verwendt wird, wenn neue Reaktoren, die große Teile des eigenen Mülls verwerten, "erst" 2040 verfügbar sein könnten? Ist den Autoren des Artikels da was entgangen? Wenn es solche Reaktoren geben sollte, dann wäre auch das letzte dünne Argument gegen eine langfristige Nutzung der Kernenergie gefallen - und das gerade noch rechtzeitig, bevor wir möglicherweise endgültig konstatieren müssen, dass die Regenerativen nicht genügend aus dem bereits zitierten Knick kommen. Die Wahrscheinlichkeit für letzteres ist mit Sicherheit viel größer als die einer Kernschmelze, und die wird von den schon heute verfügbaren neuen Reaktortypen beherrscht.
Doch auch wenn es in Zukunft keine Transmutationsreaktoren - so heißen die nuklearen Müllverbrennungsanlagen - geben sollte, ist die Endlagerung ein gangbarer Weg. Die "Versenkung des hoch gefährlichen Drecks in der Erdkruste" sollte in Deutschland immerhin in einem Salzstock geschehen, der vor 200 Millionen Jahren gebildet wurde. Das war zu der Zeit, als die Kontinente gerade mit der Drift begonnen hatten. Er hat seither Überflutungen durch Meere, die Gebirgshebung der Alpen und mehrere eiszeitliche Überschiebungen überstanden. Als Endlager muss er für weitere 50 bis 500 tausend Jahre stabil bleiben, das liegt gerade mal im Promillebereich der retrospektiv überblickbaren Zeiträume. Weiterhin wissen nur wenige, dass es in Gabun in einer Uranlagerstätte bei Oklu vor 2 Milliarden Jahren einen natürlichen Kernreaktor gegeben hat, der über 100 Millionen Jahre lang immer mal ansprang und dabei zwar keinen Strom, aber Atommüll und Plutonium produzierte. Das war eine wichtige Informationsquelle für die Endlagerforschung, denn dort konnte beobachtet werden, wie wenig sich die radioaktiven Stoffe in den vergangenen Jahrmillionen im umliegenden Gestein ausgebreitet haben - und das Salz in Gorleben ist im Vergleich zum Gestein in Oklu viel kompakter. Solche Informationen, die beim Durchblick helfen, bekommt man aber nur, wenn man mit den Fachleuten redet, die die Erkundungen durchgeführt haben, und nicht nur mit Politikern und Ökoinstitutlern. Das vermisse ich im Artikel noch zu stark.
Fazit: Während für's Gefährliche die Sicherheitstechnik da ist, so braucht man für die Durchschau Wissen. Vielleicht liegt der fehlende Durchblick in unserem Land an mangelnder naturwissenschaftlich-technischer Bildung und an einseitiger Information. Der Stern-Artikel trägt - und das möchte ich ausdrücklich begrüßen - zur sachlichen Aufklärung bei ("Lehren aus Tschernobyl"). Bloß bei dem ins Spiel gebrachten Gleichnis von "Pest (Klimaveränderungen) und Cholera (Kernkraft)" komme ich ins Grübeln: Wenn wir die Pest schon diagnostizieren - die Anzeichen für die menschgemachten Klimaveränderungen mehren sich - dann drängt sich bei der Atomkraft eher ein Vergleich zum Medikament auf.
H.-M. Prasser
Letzte Änderung: 30.06.2006
Senden Sie Kommentare und Anregungen bitte an S. Kowe