32 Jahre kostengünstige, umweltfreundliche und klimaneutrale Energieerzeugung in Stade gehen zu Ende. Doch bevor Trauer aufkommt, erst einmal Glückwunsch an die dortigen "Kernis" (wie es jetzt selbst mancherorts in der Presse heißt) zum Erreichten: Das Kraftwerk hat mit seinen 660 MW Leistung seit seiner Inbetriebnahme rund 150 Milliarden Kilowattstunden ans Netz abgegeben. Die gleich Menge Elektroenergie aus Kohle hätte zu einem Kohlendioxidausstoß von etwa 170 Millionen Tonnen geführt - das sind mehr als 5 Millionen Tonnen pro Betriebsjahr. Letzteres hätte man der Atmosphäre auch zukünftig ersparen können, wenn anstatt des Kernkraftwerks die entsprechende Leistung an Kohlekraftwerken reduziert worden wäre, etwas, was nebenbei gesagt auch einen gewichtigen Beitrag zum Abbau von staatlichen Subventionen geleistet hätte.
Doch davon liest und hört man kaum etwas in den Medien. Wenn eine Zahl auftaucht, dann ist es die Summe, die für den Abriss - auch Rückbau genannt - veranschlagt wird. Es sind 500 Millionen Euro. Ohne Kommentar wird das sicher der eine oder andere für zu viel halten oder gar annehmen, dass das der Staat finanzieren muss. Doch eine Division bringt die wahren Relationen an den Tag: 500 Millionen Euro geteilt durch 150 Milliarden Kilowattstunden sind nur zirka 0,34 Cent pro produzierter Kilowattstunde. Deshalb gelingt es den Kernkraftwerksbetreibern, während des Betriebs der Anlagen die für den Rückbau und die Entsorgung nötigen Rückstellungen zu erwirtschaften. Ich habe nur ein Presseerzeugnis gefunden, das zumindest letzteres eindeutig zum Ausdruck bringt. Es ist der Spiegel, wo man lesen kann: ".....Für den Rückbau des AKWs, der bis zum Jahr 2015 dauern soll, hat E.on 500 Millionen Euro zurückgestellt.....". Also kein Grund zur Sorge, das Steuersäckel wird hier nicht zusätzlich belastet. Hier wurde über 32 Jahre das Geld erwirtschaftet, mit dem die nächsten 12 Jahre noch 150 Stellen für den Rückbau finanziert werden. Schade jedoch um die vielen anderen Stellen, die in Stade verloren gehen....
Man hört, die Abschaltung erfolgte aus wirtschaftlichen Gründen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein bereits abgeschriebenes Kernkraftwerk mit Verlust gearbeitet haben soll. Unwirtschaftlich heißt hier wohl eher, dass die für den Betreiber festgeschriebene Reststrommenge in größeren und damit wirtschaftlicheren Kernkraftwerken billiger produziert werden kann. Ich behaupte, ohne die Festlegung der Reststrommengen könnte Stade am Markt bestehen. Es sind die Rahmenbedingungen, die der Atomausstieg vorgibt, die Stade unwirtschaftlich werden lassen - ein schönes Beispiel, wie die Kapitalvernichtung durch die Ausstiegspolitik im Detail funktioniert.
Zum Schluss noch ein Gedankenspiel: Was hätte ein Weiterbetrieb (eine entsprechende Pflege der Anlage voraussgesetzt) bis zu einer Gesamtlaufzeit von 60 Jahren gebracht? Es würden insgesamt weitere 140 Milliarden Kilowattstunden ohne CO2-Emissionen produziert werden können. Danach käme auch der Rückbau, der etwa genau soviel kosten würde wie heute. Durch die größere produzierte Strommenge würden sich jedoch die spezifischen Kosten für den Rückbau etwa halbieren, d.h. auf ca. 0.17 Cent heutigem Geldes sinken.
H.-M. Prasser (mail)
Letzte Änderung: 30.06.2006
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