Fritz Vahrenholt: Verzicht auf Kernenergie ist deutsche Kurzschlusshandlung

Quelle: ZEIT

Fritz Vahrenholt, Leiter des Windkraftunternehmens REpowerSystems AG in Hamburg, spricht sich in der ZEIT für die Weiterführung der Kernenergienutzung in Deutschland aus. In einem Artikel unter dem Titel "Quantensprung zu neuem Strom" schreibt er unter anderem: "Wir stehen ... am Vorabend eines gigantischen Klimawandels, dessen Wucht wir allenfalls noch dämpfen können. Vor diesem Hintergrund auf 33 Prozent kohlendioxidfreier Stromversorgung durch Kernenergie vorfristig zu verzichten, wie im viel gepriesenen Berliner Energiepakt beschlossen, ist eine deutsche Kurzschlusshandlung. Langfristig spricht alles für kohlendioxidfreie Energien. Er sieht in die Kernenergie eine leistungsstarke Energiequelle, die ein wichtiges Element einer zukünftigen klimaverträglichen Energiestrategie sein muss. Nach einer Analyse der Potenzen der fossilen Energieträger und der regenerativen Quellen kommt er zu dem Schluss "Zählt man alles zusammen, können in Deutschland bis zum Jahr 2020 wohl 20 Prozent des Stroms regenerativ erzeugt werden. Dann sind aber 33 Prozent Stromerzeugungskapazität aus Kernkraftwerken vom Netz. Der Rest müsste eingespart oder importiert werden..." und an anderer Stelle: "Nach dem Zeitalter der Kohle, das seinen Höhepunkt in den zwanziger Jahren hatte, und dem Öl- und Gaszeitalter, in dem wir uns noch befinden, werden wir in die Ära der erneuerbaren Energien eintreten. Und etwas ganz Neues kann hinzukommen: die Fusionsenergie. Je später aber die erneuerbaren Energien und die Fusionsenergie wettbewerbsfähig werden, umso länger wird es Kernkraft als Übergangsenergie geben müssen. Diese kann nur eine katastrophen- und plutoniumfreie Kernspaltungstechnologie sein."

Die Kerntechnische Gesellschaft ist ebenfalls der Ansicht, dass eine sozial verträgliche und gleichzeitig umweltschonende Energieversorgung nur unter Einbeziehung der Kernenergie zu erreichen ist. Dies wurde mehrfach in Veröffentlichungen und Pressemitteilungen (s. z.B. Die KTG zum Energiebericht des Bundeswirtschaftsministers - Das Szenario 3: Klimaschutz muss nicht wirtschaftsfeindlich sein!) zum Ausdruck gebracht. Wir sind deshalb froh, wenn gewichtige Stimmen, wie die von Fritz Vahrenholt, berechtigte Kritik an der Energiepolitik der Bundesregierung üben.

Dennoch bleiben Fragen offen: Wenn Herr Vahrenholt eine katastrophenfreie Kernspaltungstechnologie für machbar hält, und das ist auch die Meinung vieler Kerntechniker, - warum kann Kernenergie dann nur eine Übergangsrolle spielen? Wegen der Begrenztheit der Ressourcen? Eher nicht, denn es gibt große Mengen Uran z.B. im Meerwasser, die heute aus Kostengründen noch nicht eingesetzt werden. Bedenkt man aber den geringen Anteil der Natururankosten am Strompreis (ca. 0.1 Cent/kWh) bei der heutigen Form der nuklearen Elektroenergieerzeugung, so ist eine Steigerung der Natururankosten um den Faktor 20, wie er beim Übergang zu "schlechteren" Vorkommen erwartet werden muss, noch lange kein wirtschaftliches Killerargument. Die Kilowattstunde würde sich um ganze 2 Cent verteuern - bei Gas, Öl und Kohle greifen Preisanstiege bei den Rohstoffen wesentlich stärker auf den Endpreis durch! Uranvorkommen niedriger Konzentration sind aber fast unerschöpflich.

Dabei hätten wir dann noch gar nicht über das Brüten geredet. Damit kann ein großer Teil des zu 99,3 % im Natururan enthaltenen U-238 genutzt werden (...was im Übrigen den Natururananteil der Stromkosten wieder senken würde). Natürlich muss man dann Plutonium verwenden. Aber es bleibt zu Hinterfragen, weshalb eine katastrophenfreie Kerntechnik nicht auch bei Verwendung des Plutomiums katastrophenfrei hinzukriegen sein sollte. Immerhin hätte man notfalls einige jahrzehnte Zeit, um die heute bereits großtechnisch demonstrierte Brütertechnologie zur Reife zu führen.

Und der immer wieder als Problem angeführten Proliferation muss man einen geschlossenen Brennstoffkreislauf entgegenhalten, in dem sich nicht unsinnig große Mengen an Plutonium anhäufen können. Wenn es heute einen "Plutoniumberg" gibt, dann deshalb, weil die MOX-Technologie nicht schnell genug ausgebaut bzw. in Deutschland abgebaut wurde. Das heute auf Halde liegende Plutonium könnte sich auch rasch als strategische Reserve entpuppen, selbst wenn es heute viele für gefährlichen Abfall halten.

Für die Nutzung des Plutoniums spricht auch, dass es bei Rückführung in einen Reaktor nicht ins Endlager muss. Der heute von der Regierung bevorzugte Weg der direkten Endlagerung ist für viele Kernenergetiker Entsorgung der zweiten Wahl.

Langfristige Perspektiven räumt Vahrenholt nur einer nuklearen Energiegewinnungstechnologie ein: Der Fusion. Grund: Es enstehen keine langlebigen radioaktiven Abfälle. Was ist aber mit den Möglichkeiten, den geschlossenen Brennstoffkreislauf durch Transmutation weiter zu verbessern? Hier gibt es potentiell auch bei der Spaltung die Möglichkeit, den langlebigen Müll zu minimieren. Warum glaubt er bei der Fusion und bei der Wirtschaftlichkeit der regenerativen Energiequellen an die Potenzen des Fortschritts, bei der Spaltung jedoch nicht? Hat auch Vahrenholt Vorbehalte aus Glaubensgründen?

H.-M. Prasser, 29.05.2005

Letzte Änderung: 30.06.2006

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