Während Weiss nüchtern Vorteile aufzählt, versucht Sailer den Nutzen der Kernenergie kleinzureden. Weiss sieht die Kernenergie als Bestandteil eines vernünftigen Energiemixes, in dem wohlgemerkt auch die Regenerativen eine gewichtige Rolle übernehmen müssen. Sailer hingegen findet, dass die Kernenergie zu wenig Nutzen bringt, um sich auf ihre Risiken einzulassen, weil, so Sailer, Kernkraft NUR Strom mache. Das kann doch beim besten Willen kein Nachteil sein. Strom ist die Edelenergie schlechthin!
Und wie kommt Sailer bloß darauf, dass Kernkraft beim Verkehr nicht hilft? Bei der Fortbewegung jedenfalls hilft sie. Immerhin fährt das Gros der deutschen Eisenbahnzüge mit Strom. Das KKW Neckarwestheim liefert sogar direkt Bahnstrom mit 16 2/3 Hz, ohne extra einen Umsetzer zu benötigen. Das von Rot-Grün in einem perfekten technischen Zustand abgewürgte Kernkraftwerk Stade versorgte eine benachbarte Saline mit Wärme. Die Saline ist jetzt pleite. Nur Strom?
Mit Strom kann man auch im Eigenheimbereich sehr effektiv heizen, das wissen Umweltschützer sehr gut. Die Lösung heißt Wärmepumpe. Die Wirtschaftlichkeit dieser Variante wächst mit sinkendem Strompreis. Da ist die Kombination mit Kernkraft sehr attraktiv. In der Schweiz z.B. werden schon etwa 2200 GWh Heizwärme mit Wärmepumpen erzeugt. Sie verbrauchen nur etwa 700 GWh Strom, und der ist in der Schweiz praktisch CO2-frei: Er kommt zu 50 % aus Wasserkraft und zu 40 % aus Kernkraft. Kernkraft heizt also klimaneutral ganz normale Einfamilienhäuser, wer hätte das gedacht. Der Öko-Weltmeister Deutschland hinkt da mit ca. 1600 GWh Heizwärme deutlich hinterher, und das bei einer mehr als zehn mal höheren Einwohnerzahl. Auch ist in der Schweiz die Kilowattstunde etwa 2 Cent billiger, als in Deutschland, das hilft beim Heizen mit Wärmepumpen wirtschaften. In Deutschland wäre der Strom ja auch nicht so klimaneutral, weil er bei uns zu ca. 60 % aus Kohle erzeugt wird. Eine Erhöhung des Kernenergieanteils hätte also schon Sinn.
Weiter: Die Südafrikaner wollen Hochtemperaturreaktoren bauen, um Prozesswärme für die Chemie zu haben, möglicherweise um aus Kohle Benzin zu machen. Gut, das findet im Moment nicht in Deutschland statt, ist aber eine deutsche Entwicklung, der Kugelhaufenreaktor. Und Erdgas kann die Kernkraft allemal ersetzen: Wir lesen in den Energiestrategien von ehemals Rot-Grün, dass Kohle auch bei der Stromerzeugung durch Erdgas ersetzt werden soll, um CO2-Emissionen zu senken, weil die Regenerativen das alleine nicht schaffen. Warum nicht Kernenergie einsetzen, die gänzlich CO2-frei ist, und nicht das Erdgas - eine Ressource, die von allen verfügbaren Brennstoffen die kürzeste Reichweite hat. Uran ist von allen Brennstoffen der, bei dem die geringste Abhängigkeit vom Ausland besteht. Bei welchen Bauteilen von KKWs wir von krisengeschüttelten Regionen im Ausland abhängig sein sollen, weiss Sailer allein.
Wenn wir auf Kernenergie setzen, bleiben Risiken, die wir beherrschen können. Fragen Sie die Reaktorsicherheitskommission, der Sailer vorsteht. Von dort kommen keine dringenden Empfehlungen, Reaktoren in Deutschland sofort abzuschalten. Wovon spricht er also eigentlich? Die weitaus größeren Risiken liegen in einer verfehlten Energiepolitik, die eine Volkswirtschaft ruinieren kann. Wenn es um die Nutzung der von Umweltschützern oft für omnipotent gehaltenen Regenerativen Energien und ums Energiesparen geht, hört man Sätze, wie den von Sailer: "Die Techniken sind vorhanden. Es kommt nur noch darauf an, sie auszunutzen". Sieben Jahre lang hat Rot-Grün an der Energiewirtschaft herumgebastelt und all das gemacht, was Sailer fordert. Was ist herausgekommen? Nicht einmal die selbstgestellte Verpflichtung, bis 2005 den CO2-Ausstoß um 25 % gegenüber 1990 zu senken, haben sie hinbekommen, verfehlt um knappe 100 Millionen Tonnen CO2 jährlich. Das sollte eigentlich schon genügen, um der rot-grünen Energiepolitik, die jetzt die SPD allein vertritt, das Vertrauen zu entziehen.
H.-M. Prasser
Letzte Änderung: 30.06.2006
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